Zertifikate und Optionsscheine: Wetten mit Kleingedrucktem

Bis hierhin war die Börsenwelt noch relativ greifbar. Wenn du eine Aktie kaufst, gehört dir ein Stück Firma. Wenn du eine Anleihe kaufst, verleihst du Geld. Das ist echtes, traditionelles Investieren.

Doch jetzt betreten wir auf unserem Risiko-Rendite-Pendel den roten Bereich. Wir verlassen die klassische Anlage und kommen zu den Derivaten (abgeleiteten Finanzprodukten). Die bekanntesten Vertreter in Deutschland sind Zertifikate und Optionsscheine.

Diese Produkte sind keine Anteile an echten Firmen, sondern im Grunde genommen Wetten, die von Banken erfunden wurden. Warum Banken sie so gerne verkaufen und warum du als Anfänger extrem vorsichtig sein musst, erklären wir dir jetzt.

Was ist ein Derivat (Zertifikat / Optionsschein)?

Stell dir vor, du sitzt mit einem Freund vor dem Fernseher und schaust ein Fußballspiel. Du kaufst nicht den Verein (das wäre die Aktie), sondern du sagst zu deinem Freund: „Ich wette mit dir um 10 Euro, dass in den nächsten 10 Minuten ein Tor fällt!“

Genau das sind Derivate. Du wettest mit einer Bank auf die zukünftige Preisentwicklung eines sogenannten Basiswerts. Dieser Basiswert kann alles Mögliche sein: eine Aktie (z.B. Tesla), ein Index (z.B. DAX) oder ein Rohstoff (z.B. Gold).

Der Unterschied zwischen Zertifikat und Optionsschein

Obwohl Banken hunderte komplizierte Namen dafür erfinden (Discount-Zertifikat, Bonus-Zertifikat, Faktor-Zertifikat, Turbo-Optionsschein), ist das Prinzip für Einsteiger sehr ähnlich.

  • Optionsscheine: Du kaufst dir das Recht, eine Aktie in der Zukunft zu einem heute festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Du wettest also klassisch darauf, ob der Kurs einer Aktie bis zu einem bestimmten Datum stark steigt (Call-Optionsschein) oder fällt (Put-Optionsschein).
  • Zertifikate: Hier baut die Bank oft noch kompliziertere Spielregeln ein. Bei einem Discount-Zertifikat bekommst du die Aktie zum Beispiel billiger (mit Rabatt), darfst aber nicht mehr am vollen Gewinn teilhaben, wenn die Aktie plötzlich extrem stark steigt (die Bank zieht eine Gewinnobergrenze, den „Cap“).

Die goldene Regel: Egal wie das Produkt heißt, du besitzt die Aktie oder das Gold niemals wirklich. Du besitzt nur einen Vertrag (eine Schuldverschreibung) mit der Bank.

Die Verlockung: Warum kaufen Menschen so etwas?

Wenn das alles nur Wetten sind, warum investieren Menschen dann nicht einfach direkt in die echte Tesla-Aktie oder echtes Gold? Es gibt zwei Gründe, die diese Produkte verlockend machen:

1. Auf fallende Kurse wetten Mit normalen Aktien kannst du nur Geld verdienen, wenn die Wirtschaft wächst. Mit speziellen Zertifikaten (sogenannten Short-Produkten) kannst du Geld gewinnen, wenn eine Firma in die Krise stürzt und der Aktienkurs fällt.

2. Der Hebel (Der Turbo-Boost) Das ist das wichtigste und gefährlichste Wort in dieser Kategorie. Viele dieser Papiere sind Hebelprodukte. Das bedeutet, sie vergrößern die Kursbewegung der normalen Aktie wie durch eine Lupe.

  • Beispiel ohne Hebel: Die echte Tesla-Aktie steigt um 1 %. Du gewinnst 1 %.
  • Beispiel mit Hebel 10: Du kaufst ein Hebelzertifikat auf Tesla. Steigt die Tesla-Aktie nun um 1 %, steigt dein Zertifikat um 10 %.

Mit sehr wenig Geldeinsatz kannst du durch den Hebel gigantische Gewinne machen. Aber, und das ist der Haken, der Hebel funktioniert gnadenlos in beide Richtungen. Fällt die Tesla-Aktie um nur 5 %, verliert dein Zertifikat sofort 50 % seines Wertes.

Die 3 massiven Risiken für Anfänger

Verbraucherschützer raten Einsteigern oft dringend von Zertifikaten und Optionsscheinen ab. Das liegt an drei massiven Nachteilen:

Risiko 1: Die Knock-out-Schwelle (Totalverlust)

Viele Hebelprodukte haben eine sogenannte „Knock-out-Schwelle“. Das ist eine Todeszone für dein Geld. Wenn du darauf wettest, dass eine Aktie steigt, sie aber kurzzeitig stark fällt und diese Schwelle berührt, wird dein Zertifikat sofort wertlos ausgebucht. Das Spiel ist vorbei, und dein gesamter Einsatz (100 %) ist für immer weg. Selbst wenn die Aktie sich am nächsten Tag erholt, hast du Pech gehabt.

Risiko 2: Die Bank gewinnt fast immer (Komplexität)

Die Spielregeln von Zertifikaten werden von den Banken (den Emittenten) selbst erfunden. Und diese Regeln sind oft so kompliziert gestrickt, dass sie die Bank absichern, aber den Anleger im Unklaren lassen. Oft fressen versteckte Gebühren, Zeitwertverluste oder ungünstige Klauseln in bestimmten Marktsituationen deinen ganzen Gewinn auf.

Risiko 3: Das Emittentenrisiko

Erinnerst du dich an die Finanzkrise 2008 und die Pleite der Großbank Lehman Brothers? Tausende Deutsche verloren damals ihr Erspartes. Warum? Weil sie Zertifikate von Lehman Brothers gekauft hatten. Geht die Bank, die dein Zertifikat herausgegeben hat, pleite, ist das Zertifikat wertlos, völlig unabhängig davon, wie toll sich die Aktienbörse gerade entwickelt! Bei echten Aktien oder ETFs gibt es dieses Risiko nicht.

Fazit: Nichts für das erste Depot

Zertifikate und Optionsscheine haben an der Börse durchaus ihre Berechtigung. Profis nutzen sie, um sich gegen bestimmte Marktschwankungen abzusichern oder sehr gezielte, kurzfristige Spekulationen durchzuführen.

Für Anfänger, die ein Vermögen für das Alter oder die Familie aufbauen wollen, haben diese Produkte in den ersten Jahren jedoch absolut nichts im Depot zu suchen. Der Schritt vom soliden Investieren (ETFs) hin zur Zockerei (Hebelprodukte) ist hier fließend.

  • Risiko-Klasse: Sehr hoch (Totalverlust ist jederzeit möglich)

Du glaubst, Zertifikate und Hebel klingen schon gefährlich? Wir haben das absolute Ende unseres Risiko-Pendels noch nicht erreicht. In der letzten Stufe schauen wir uns Produkte an, bei denen der Gesetzgeber in der Vergangenheit sogar eingreifen musste, um Privatanleger vor dem totalen Ruin zu schützen.

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